2.2   Schwierigkeiten bei der technischen Auftragsklärung

Das wesentliche Merkmal einer Sondermaschine ist der Einmalbau, d. h. die exakt auf den Kundenwunsch abgestimmte Konstruktion und Bau einer Maschinen. Eine Vielzahl kunden- bzw. produktspezifischer Sonderlösungen sind dafür verantwortlich, daß einfache mechanismen zur Konzeption und Konfiguration von Kundenaufträgen nicht angewandt werden können. Selbst Expertensysteme sind selten nutzbar, weil diese meist nur bei eingeführten und bekannten Verfahrensprozessen helfen. Der Mensch mit seiner Kreativität und Intelligenz ist (nach wie vor) unverzichtbar, da Konkretisierungsschritte bei der technischen Auftragsklärung nicht algorithmenbasiert sondern nur durch erfahrene Maschinenbauingenieure (nicht aber durch Vertriebsleute) durchgeführt werden können.
Zunehmend fordern die Kunden komplexere und individuelle Lösungen mit einer steigenden Anzahl zu berücksichtigender Einflußfaktoren. Andererseits existieren oftmals nur sehr grobe technische Beschreibungen, die als Lastenheft bezeichnet werden. Zusätzlich zum Lastenheft ist immer eine intensive Kundenbefragung bei der technischen Auftragsklärung notwendig. Viele Fragen müssen im gegenseitigen Kommunikationsaustausch beantwortet werden. Das zeigt, daß der Detailierungsgrad im Wesentlichen von der Aussagefähigkeit des Kunden abhängt. Nur dann können aussagefähige Angebote erstellt werden. Diese sind für ein Unternehmen des Sondermaschinenbaus von existentieller Bedeutung. Aber immer noch nicht werden die Aufwendungen hierfür finanziell honoriert.
Der in Kapitel 2 definierte vierte Produktionsfaktor „Die Information“ bleibt nach wie vor vernachlässigt. Obwohl seine Bedeutung für den Erfolg eines Projektes elementar ist. Oftmals verzögert unzureichende Weiterleitung von Informationen den Fortgang der Konstruktionsarbeiten - gefährdet nicht selten sogar den gesamten Projektterminplan. Die Ursachen sind vielfältig. Beispielsweise fehlen dem Kunden aktuelle Informationen über den Status der Produktentwicklung. So können auch Ergebnisse aus Umwelterprobungen (z. B. Air Shock, Vibrationstest, Temperaturlagerung, etc.) dazu führen, daß ein Produkt überarbeitet werden muß. Die Folge ist, daß erst mit der Konstruktion produktspezifischer Baugruppen, wie z. B. Greifer, Werkstückträger, Prüfadapter, usw. in einem weit fortgeschrittenen Stadium begonnen werden kann. Hinsichtlich der gestiegenen Innovation und immer kürzer werdenden Produktlebenszyklen wird zunehmend die Reaktionszeit auf Produktänderungen im Sondermaschinenbau kürzer. (Globalisierung: Firmenabhängigkeiten untereinander, Lieferverzug sowie deren Folgen) Vergleichbare Situationen kennt der Sondermaschinenbau, weil es nicht möglich ist technische oder verfahrenstechnische Fehler während der Konzeption und Konstruktion vollständig auszuschließen. Fehler oder Fehlfunktionen bei der Inbetriebnahme bedeuten oftmals Lieferverzug und Imageverluste gegenüber dem Kunden. Dies macht deutlich, daß eine vollständige und konsistente (widerspruchsfrei) technische Klärung der Kundenaufträge mit ausschließlich aktuellen Informationen für die Unternehmen des Sondermaschinenbaus von entscheidender Bedeutung sind.

© by Rainer Weller