10.4  Vereinfachte Organisationen

Vereinfachte Organisationen haben zum Ziel, die Gemeinkosten zu senken. Aber warum stößt man bei der Umsetzung auf Widerstand? Steht vielleicht der Job eines langjährigen Mitarbeiters auf dem Ratioprüfstand? Könnte die persönliche Kompetenz untergraben werden? – Zu 100 % werden andere Gründe in den Vordergrund geschoben, obwohl genau das den Punkt trifft.
Wieso haben wir heute meist junge und z. T. unerfahrene Personen an den Stellen, wo wirklich wertschöpfende Tätigkeiten stattfinden? Doch nur, weil erfahrene Personen im Unternehmen die Karriereleiter nach oben klettern wollen und dort unproduktive Arbeiten verrichten. Wichtig ist aber, daß erfahrene Personen nach wie vor mit wertschöpfenden und produktschaffenden Tätigkeiten befasst sind und dennoch "Karriere machen". – Aber wie kann man dazu motivieren? Ausschließlich durch Geld. Diese Arbeitnehmer müssen dasselbe Gehalt bekommen wie eine "wirkliche" Führungskraft. 
Deutschland muß umdenken. Umdenken in vereinfachte Organisationen. Nicht nur, um die Gemeinkosten zu senken, sondern auch, um weiterhin in der globalisierten Weltwirtschaft als Lokomotive oder Zugpferd an der Spitze zu stehen. Bei den einen löst das Aufbruchstimmung aus. Für sie ist das eine Befreiung aus engen und überholten Grenzen. Andere urteilen dagegen zurückhaltend oder entwickeln gar Angstgefühle.
Wie aber werden nun vereinfachte Organisationen geschaffen, um das Ziel "Senken der Gemeinkosten" zu erreichen? Klar: Vereinfachte Organisationen verlangen vernetztes und fachübergreifendes Denken und Wissen von allen Mitarbeitern.

Vernetztes und fachübergreifendes Wissen ist die Voraussetzung für vereinfachte Organisationen. Dadurch werden gleichzeitig die Arbeitsabläufe und internen Prozesse vereinfacht. Die hieraus resultierenden wenigen hierarchischen Stufen bedeuten eine größere Führungsspanne. Elementar wichtige Dinge in der täglichen Arbeit wie etwa das Herbeiführen von Entscheidungen werden spürbar erleichtert. Es macht einfach mehr Spaß, wenn man nicht durch große, langwierige Umwege immer wieder "ausgebremst" wird. Die Motivation wird deutlich gesteigert. Und das Ziel der Projektarbeit sowie das "Geldverdienen" für die Firma wird schneller erreicht. Nur mit diesem zeitlichen Vorsprung bei mindestens gleicher oder besserer Qualität, auch was den Service betrifft, kann sich Deutschland in der globalen Weltwirtschaft behaupten und als Vorbild und Lokomotive mit Volldampf vorangehen.
Jeder Manager muß deshalb die Organisationen in der Firma prüfen. Wahrscheinlich wird er dann feststellen müssen, daß Wildwuchs sowie alte und schwerfällige Organisationen entstanden sind. Er muß erkennen, daß hierarchische Stufen

  • kontraproduktiv sind;

  • die Kommunikation erschweren;

  • demotivierend sind, weil die eigene Kompetenz beim Eingang zur Firma abgegeben werden muß, ja sogar in Frage gestellt wird;

  • ein entsprechendes Management verlangen und dadurch mehr Mühe und Ausgaben verursachen;

  • als Gegenpol mehr Mitarbeiter erfordern, was die Gemeinkosten steil nach oben steigen läßt;

  • dazu führen, dass die Zahl der "unproduktiv" arbeitenden Mitarbeiter zu Lasten der "produktiv" arbeitenden zunimmt;

  • mit steigender Anzahl nicht nur teuer, sondern auch kompliziert sind. Kontrolle wird immer schwieriger, das System störanfälliger.

Um dem Wildwuchs in den Organisationen entgegenzuwirken, gilt der Grundsatz: Keep it simple and stupid (Ciba-Geigy). Aus den Anfangsbuchstaben entsteht so das Akronym KISS. Das Wort ist genauso einfach wie kompliziert. Einfach deshalb, weil "KISS" einem im täglichen Leben vertraut ist, und kompliziert wie die menschlichen Beziehungen, sowohl privat als auch beruflich. Pauschale Lösungen kann es nicht geben. Vielmehr müssen die zuvor genannten Argumenten ins Positive übertragen werden.
Führungskräfte, vertraut den Mitarbeitern, denen ihr Vertrauen schenken könnt! Gebt ihnen die Entscheidungsfreiheit, die sie zur freien Entfaltung benötigen. Sie werden sehen, wirkliche Führungskräfte erkennen und fördern das Potential ihrer Mitarbeiter, damit sie produktiv arbeitende Manager werden.

© by Rainer Weller